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Die Wilhelmsteine im Schelderwald

Im Nordosten des Lahn-Dill-Kreises, zwischen den Siegbacher Ortsteilen Tringenstein und Wallenfels, in Nähe der Angelburg, liegen die Wilhelmsteine.

Es handelt sich um eine Gruppe Eisenkieselhärtlinge, vergänglich nur in unvorstellbaren Zeiträumen. Sie ragen aus der fast ebenen Umgebung des Hochwaldes hervor. Ihr Alter mag bis in die frühgeschichtliche Vergangenheit zurückreichen, als wandernde Menschen solche Höhenstraßen benutzten.

Im Mittelalter, besonders zur Zeit der Dernbacher Fehde, spielte sie eine wichtige Rolle. Diese Straße benutzte auch Herzog Wilhelm von Nassau um 1830, als er sein Land in Augenschein nahm. Bei den Buschsteinen legte er eine Ruhepause ein, und ihm zu Ehren bekam diese Felsengruppe fortan ihren Namen · Wilhelmsteine.

Wenn es Frühling wird und sich der Waldboden unter den noch lichten Bäumen mit Grün, violettem Lerchensporn, weißen und gelben Buschwindröschen bedeckt, belebt sich dieser stille Winkel mit Ausflüglern und Spaziergängern. Am Himmelfahrtstag aber sind die Wilhelmsteine eine Art Wallfahrtsort. Es ist schon Tradition geworden, dass die Menschen aus den umliegenden Dörfern des Lahn-Dill-Kreises und des Kreises Marburg-Biedenkopf von den Höhen und den Tälern in den frühen Morgenstunden zu den Wilhelmsteinen wandern, um im grünen Waldesdom Gottesdienst zu feiern. Zu den Klängen der Posaunen und geistlichen Liedern mischen sich auch Geräusche eines Volksfestes, das sich auf der in der Nähe vorbeiführenden Hohen Straße abspielt. Dort sind Stände und Verkaufsbuden aufgeschlagen. Um die Felsen herum herrscht den ganzen Tag ein fröhliches Treiben.

Wie nun schon seit über über siebzig Jahren unter christlichen Vorzeichen, mögen sich auch in grauer Vorzeit Bewohner des Schelderwaldes zu kultischen oder gar zu gerichtlichen Zusammenkünften hier eingefunden haben! Diese Stätte ist vorgeschichtlicher Siedlungsboden. Vor Jahren wurden durch Grabfunde dem Boden Geheimnisse entnommen, die aus keltischer Zeit stammen. In der Nähe der Angelburg wurde ein aus dieser Zeit stammender Kultstein entdeckt mit der steinernen Darstellung eines menschlichen Antlitzes. Dieser keltische Kultstein befindet sich im Landesmuseeum in Wiesbaden, ein Abguß davon im Heimatmuseeum in Herborn.

Mag diese Überlieferung im Dunkel der Geschichte verborgen sein, so sind andere Erscheinungen des Brauchtums noch in Erinnerung. Dr. Karl Löber berichtet in seinem Buch ·Beharrung und Bewegung im Volksleben des Dillkreises· (Marburg 1965), dass die Leute mit dem Gang zu den Wilhelmsteinen an Christi Himmelfahrt das Sammeln bestimmter Kräuter verbanden, die an diesem Tag eine besondere Heilkraft haben sollten. Hierzu gehörten Waldmeister, Sanikel, Tausendgüldenkraut und andere.
Weiter heißt es bei Löber über die Verbreitung dieses Brauches: ·Immer sind es auffällige, herausgehobene, weithin sichtbare oder von den Felsen gekrönte, oft die Spuren vorgeschichtlicher Besiedlung tragende Höhen, die zugleich Orte des Volkstreffens und des Kräutersammelns sind·. Sicherlich eine zutreffende Beschreibung für die Wilhelmsteine.

Heute überragt der 172 m hohe Fernsehturm der Angelburg den Platz der Wilhelmsteine, ein Zeichen dafür, dass er seine markante Bedeutung nicht verloren hat.

Erwin Pfeiffer
Heimatverein Übernthal